Gelber Unimog

Von Kanada bis Feuerland in 365 Tagen

Nicaragua 10. August 2014

Filed under: Allgemein — tichyx @ 19:32

Pazifikstrand bei Matilda´s in Nicaragua

Als wir uns bei der Reiseplanung 2013 Gedanken über unsere Route durch Zentralamerika machten, sind wir im Kopf die verschiedenen Länder durchgegangen, die wir durchfahren wollten. Bei Nicaragua sind wir beide sofort hängengeblieben. Hatten wir doch noch das Echo aus den Nachrichten der 80er und 90er Jahre im Kopf, in denen es um Drogenmafia, Kämpfe zwischen Sandinisten und Contras und die Einmischung der USA ging. Wir fragten uns, ob wir überhaupt durch Nicaragua fahren können. Umso überraschter waren wir, als wir bei unseren Recherchen heraus fanden, dass Nicaragua inzwischen als eines der sichersten Reiseländer in Zentralamerika gilt.

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Kopfsprung in den Canyon

Am Grenzübergang werden wir vom Zöllner äußerst freundlich mit einem Stapel gratis Nicaragua-Postkarten und touristisch ausgearbeiteten Landkarten ausgestattet. So was haben wir das letzte Mal in Texas erlebt. Es gibt seit langem auch mal wieder eine Fahrzeugkontrolle und natürlich den üblichen Fotokopienunsinn.

Nach dem freundlichen Empfang machen wir uns gut ausgestattet auf den Weg zum Somoto Canyon direkt hinter der Grenze. Er gilt als touristisch unerschlossen und wurde 2006 von der UNESCO als Nationaldenkmal Nicaraguas ausgerufen. Am Parkeingang erfahren wir, dass man einen einheimische Guide für eine Tour buchen kann und wir verabreden uns mit ihm für den nächsten Tag. Übernachten können wir direkt am Fluss auf einer kleinen Wiese zwischen Pferden und Kühen.

Am nächsten Morgen macht sich unser Guide „Jesus“ für 10U$ p.P. mit uns auf den Weg. Er ist ein benachbarter Bauer, der sich mit solchen Touren ein Zubrot verdient. So ganz genau haben wir nicht verstanden, was uns bei dem Ausflug erwartet, aber als er unsere Kleidung und die wasserfestigkeit unserer Schuhe überpüft, wird klar, dass es nass wird. Die Schwimmwesten die er dabei hat, nehmen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht so richtig ernst.

Nach ca. 40 Minuten Fußmarsch erreichen wir den Einstieg in den Canyon. Wir klettern an Felswänden und Vorsprüngen über dem Wasser entlang und sind von der Schönheit und Unberührtheit der Natur begeistert. Hier hat noch niemand Brücken gebaut, es gibt keine Wege, Halteseile, Warnschilder, Helmpflicht oder Bungeeanlagen.

Jesus führt uns über die alten Pfade, die von den Einheimischen seit Urzeiten benutzt werden, bis… ja bis die Wege dann plötzlich zu Ende sind. Unser Fotoapparat wird in eine Plastikbox gepackt, wir legen die Schwimmwesten an und dann geht es mit einem Sprung mehrere Meter tief in den tropischen Fluß! Die wassertauglichen Schuhe sind absolut notwendig, denn teilweise müssen wir durch hüfthohes Wasser über glitschige Steine waten, andere Strecken müssen wir schwimmen oder wir können uns von der Strömung mitnehmen lassen. An engen Stellen, die wir duchschwimmen, zeigt Jesus uns seltsame dunkle Flecken an den Canyonwänden, die sich bei genauerer Betrachtung als Flächen aus tausenden Fledermäusen heraustellen. Wir wechseln mehrmals vom Wasser zurück auf schmale Felswege, dann müssen wir wieder einige Meter tief springen, schwimmen und waten. Es macht einen unglaublichen Spass und wir sind von diesem puren und unverfälschten Naturerlebnis echt beeinduckt! Ein einmaliges Abenteuer, das wir jedem Nicaraguareisenden empfehlen können! Nach über 4 Stunden sind wir zurück am Mog und sind vom kalten Wasser ganz schön durchgefroren.

Über Nacht regnet es heftig und als wir uns am nächsten Morgen mit dem Mog auf den Weg machen wollen, sind Lehmboden und Auffahrt völlig durchweicht. Mit Allrad und gesperrten Differenzialen wühlt sich der Mog Zentimeterweise den Hang hinauf. Das Reifenprofil ist sofort mit Schlamm zugesetzt und alle Räder drehen durch. Die Situation wird kritisch, als der Mog anfängt in der schmalen Auffahrt seitlich zu driften und dem steilen Abhang bedrohlich nahe kommt. Vor uns steckt bereits ein PKW fest, der nur mit vollem Einsatz mehrer Helfer geborgen werden kann. Als er aus dem Weg ist, arbeiten wir uns im Querdrift weiter vorwärts, immer haarscharf an der Abbruchkante entlang, bis wir endlich die etwas festere Lehmstrasse erreichen. Auch hier drehen alle Räder auf der nassen Lehmschicht durch und der Mog arbeitet sich langsam die schmale Strasse hoch, als uns an der engsten Stelle ein Schulbus entgegengeschliddert kommt! Keine Chance aneinander vorbei zu kommen. Der Bus stoppt, sieht den Zustand der Strasse hinter uns und fährt rückwärts wieder zurück. Er schafft es gerade so bergauf, auf ein Stück festeres Gras und wir können vorbei. Die 200m Lehmweg hinter uns sehen nach der Aktion aus, wie frisch gepflügt. Die Einheimischen beeindruckt das alles aber herzlich wenig, da solche Aktionen bei dem Wetter hier an der Tagesordnung sind.

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LOST

Am nächsten Tag kommen wir auf unserem Weg zur Vulkankette am Lago Nicaragua ins Hochland. Da es sich um viele kleine, aber hohe Berge handelt, ist die Fahrt sehr mühsam, da es im ständigen Wechsel Serpentinen bergauf und bergab gibt. Wir kommen viel langsamer voran als geplant und es gibt an der schmalen Bergstrasse keinerlei Möglichkeit stehen zu bleiben. Wir fragen beim Hotel „Schwarzwald“ (kein Witz), ob wir auf dem Parkplatz stehen bleiben dürfen. Das dürfen wir, aber nur, wenn wir den vollen Preis für ein Hotelzimmer bezahlen. Alles Verhandeln nützt nichts und so fahren wir weiter, in der Hoffnung irgendwo anders stehen bleiben zu können. Die Berge sind aber so hoch, dass sie in die Nebelregion hineinreichen und so ist auf großen Streckenabschnitten die Sicht gleich null. Als dann zusätzlich die Dämmerung anbricht, sind wir gezwungen umzudrehen und zurück zum Hotel zu fahren. Es ist weit und breit die einzige Chance überhaupt anhalten zu können. Und so beißen wir in den sauren Apfel und bezahlen. Mit 35U$ ist das zwar nicht sonderlich teuer, aber es ärgert uns natürlich schon ein wenig. Für das Geld bekommen wir aber auch ein bisschen was geboten: es sieht tatsächlich alles exakt aus wie im Schwarzwald, das Hotel, die Nebengebäude, die dunklen Tannen und der Ententeich. Wir sind immer wieder erstaunt, wie stark die Landschaft und die Vegetation bei ein paar Höhenmetern variiert. In der Hotellobby gucken wir dann am nächsten Morgen das erste Deutschlandspiel.

Am späten Nachmittag erreichen wir den Vulkan Masaya. Da es bereits spät ist und das Wetter nicht mitspielt, schlagen wir unser Lager auf halber Höhe bei der kleinen Parkstation auf. Wir schnappen unsere Macheten und unternehmen eine schöne Wanderung am Hang des Vulkans durch den Regenwald. Wir arbeiten uns gerade durchs entlegene und verwachsene Unterholz, als wir plötzlich etwas unheimliches entdecken: in den Fels eingelassene und verwitterte Betonanlagen, mit einer Einstiegsluke in den Boden. Jetzt fehlt nur noch irgendwo ein Schild der „Dharma Initiative“ und ein schwarzer Monsternebel, der Jagd auf uns macht. „Lost“ lässt grüßen. Wir machen schnell ein paar Fotos und dann verdrücken wir uns wieder, bevor es uns zu unheimlich wird…

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Drive in Vulkan

Am nächsten Morgen ist das Wetter top und wir fahren mit dem Mog Richtung Krater. Was bei den Amis der „drive thru Hamburgerladen“ ist, ist in Nicaragua der „drive thru Vulkankrater“ – ein aktiver Krater selbstverständlich, sonst wäre das Ganze ja unspektakulär. Der letzte Ausbruch war 2008! Als warnschild-, verbots- und bevormundungsgeplagte Europäer können wir es kaum glauben: man darf mit dem Auto direkt bis an den Kraterrand fahren – und mit direkt meinen wir DIREKT. Die einzige und wirklich amüsante Sicherheitsvorkehrung: wir sollen mit unserem Auto bitte in „Fluchtrichtung“ parken. Ok, da sind wir jetzt aber beruhigt.

Wir steigen aus und stellen uns direkt an die Abbruchkante des Kraterrrandes. Vor uns steigen riesige Nebelschwaden auf, die darauf hindeuten, dass es da unten alles andere als gemütlich zugeht. Als der Wind dreht wird es auch für uns hier oben plötzlich ungemütlich. Denn der weisse Nebel ist äußerst ätzend und weiteratmen ist schlicht ausgeschlossen. Wir flüchten in den Mog, bis der Wind wieder dreht. Dabei beobachten wir durch die Scheibe einige Park-Ranger, die alle mit Schutzanzügen und Atemmasken ausgerüstet sind… Äh…und wo sind unsere? Tja, hier wird eben noch auf selbstverantwortliches Handeln gesetzt und nicht auf Bevormundung – wir finden das höchst sympathisch und auch ein kleines bisschen amüsant. 🙂

Nachdem die Windrichtung wieder gedreht hat, machen wir zum Abschluss noch eine Wanderung um den Kraterrand.

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Vulkan auf der Flucht

Am nächsten Tag legen wir in Granada (nein, nicht in Andalusien) einen Zwischenstopp ein um Wäsche zu waschen. Wir besuchen in der Wartezeit den Markt und fragen uns, wie wir eigentlich aus diesem Ort wieder herauskommen sollen. Die einzige Möglichkeit ist eine winzige Strasse, die durch den Markt führt. Da aber alle LKW hier entlang fahren, quälen auch wir uns durch das Gewühl. Umsicht und Draufgängertum am Steuer sind hier gleichermaßen gefragt. Denn Fussgänger machen erst Platz, wenn sie in den Augen des Fahrers echte Mordlust erkennen können – auf der anderen Seite will man ja keinem wehtun, der nicht bei Drei auf dem nächsten Baum ist und wir müssen höllisch aufpassen, dass uns niemand unter die Räder kommt. Wir wollen wieder ans Meer und so kommt es, dass wir die spektakulären Vulkane im Nicaraguasee diesmal links liegen lassen und weiter zur Küste fahren (unsere Lungen brennen noch vom Masaya). Auch wenns auf dem Foto wegen der Wolken so aussieht: da fährt nicht der Vulkan an uns vorbei, sondern wir am Vulkan.

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Affenpipi

Wir steuern den kleinen Campingplatz „Matilda“ an, von dem wir überall nur das Beste hören. Im Ort San Juan del Sur geht eine kleine Piste ab und führt durch die hügelige Landschaft an der Küste entlang. Es folgen einige Hostels, Hotels Kuhweiden und nach gut 15km, als allerletztes, so dass wir schon dachten, da kommt nix mehr, taucht endlich die Einfahrt zu Matlida auf. Es ist ein traumhafter Platz, direkt am Strand, einsam, aber nicht verlassen. Wunderschön gelegen, aber mit einem großen Problem: wir passen mit dem Mog nicht um die Kurve der kleinen Platzeinfahrt…grrr. Nach einiger Rangiererei ist eindeutig ein Baum im Weg und die Campinplatzbesitzerin gibt uns zu verstehen, dass wir den kleinen Mistbaum einfach umnieten sollen, aber soweit geht unser Campingwille dann doch nicht. Wir steuern die Einfahrt noch mal rückwärts an und dann passt es – der Baum darf natürlich weiterleben.

Der Platz entpuppt sich als eine wahre Oase: das Klima ist mediterran und angenehm, der Strand ist menschenleer, die Wellen sind fantastisch und genau richtig um den ganzen Tag darin zu „kämpfen“. Das Minirestaurant (2 Tische) am Strand macht erstaunlich leckeres Essen (es gibt Hühnchen oder Hühnchen oder Hühnchen und wahlweise dazu irgendwas aus Mais oder Bohnen). Und im Haupthaus von Matilda haben sich ein paar Traveller aus aller Welt einquartiert. Direkt neben unserem Mog zeltet Carol, sie ist 69 Jahre alt und bereits seit 2 Jahren mit ihrem winzigen Zelt unterwegs – so geht es auch!

Am Morgen nach unserer ersten Nacht werden wir von heftigem Gebrüll geweckt. Als wir die Augen aufmachen sehen wir durch unsere Panoramaluke über dem Bett eine Horde Brüllaffen, die es sich direkt über uns in den Bäumen gemütlich gemacht hat. Obwohl das eigentlich total spannend ist, schließen wir lieber die Luke, denn Brüllaffen sind dafür bekannt, dass sie gerne Menschen unter sich gezielt vollpinkeln – einfach aus Spaß, weil sie es können. 🙂 Und da soll noch mal einer behaupten, der Mensch stamme nicht vom Affen ab.

Wir entschließen uns einige Tage hier zu bleiben und wir sagen das nicht oft, aber in diesem Fall trifft es mal wieder zu: dieses Fleckchen Erde ist definitv einer der schönsten Orte, an dem wir jemals waren. Jeder der durch Nicaragua reist, sollte unbedingt einen Abstecher zu Matildas machen!

Besonders gut haben uns in Nicaragua auch diverse Stilblüten durch spachliche Doppeldeutigkeiten gefallen. (s. Foto) Bei dem Klo-Stein trifft die Bezeichnung allerdings tatsächlich zu und wir haben ihn direkt wegen nachhaltigem „Nasenterrors“ wieder entsorgt. Beim isotonischen Powerdrink konnten wir dagegen keinen körperlichen Leistungsverlust nach der Einnahme feststellen…

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Nicaragua ist für uns die größte Überraschung auf unserer bisherigen Reise. Das Land hat wirklich viel zu bieten und setzt auf Tourismus. Enstprechend offen und einladend ist die Bevölkerung. Die meisten Bewohner freuen sich über Reisende und auf uns machte Nicaragua einen entsprechend sicheren Eindruck. Dazu muß man sagen, dass wir den nahezu unerschlossenen Norden ausgelassen haben. Das Auswärtige Amt warnt zudem vor Reisen in diese Region, aber die Pazifiküste gilt als sicher. Wer gerne mal nach Zentralamerika möchte, der sollte dieses außergewöhliche Land auf keinen Fall auslassen! Wir kommen jedenfalls sehr gerne wieder.

 

2 Responses to “Nicaragua”

  1. Helga Radon Says:

    Hallo meine beiden lieben „Wandervögel“, ich kann mich nur wiederholen, ich wäre zu gern dabei, ich beneide Euch grenzenlos! Weiterhin viel Glück und viel Freude, und behandelt euren Mog anständig, ab und an ein bisschen streicheln kann nicht schaden.
    Ganz liebe Grüße Euer „Lieblingstantchen“

  2. Rosi Says:

    Ich bewundere Euch ,dass ihr so viel Mut habt eine Reise durch so viel Länder zu machen


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