Gelber Unimog

Von Kanada bis Feuerland in 365 Tagen

Von Acapulco/Mexiko bis Grenze Belize 27. Juni 2014

Filed under: Allgemein — tichyx @ 22:29

Wir verlassen nach ein paar Tagen die wabbelige Sandbank vor Acapulco und fahren weiter am Pazifik Richtung Süden. Inzwischen macht uns das tropische Klima etwas zu schaffen. Alles ist klamm, Kleidung und Handtücher trocknen nicht mehr und wir kleben den ganzen Tag. Dazu kommt die Gischt, die durch die starke Brandung am Pazifik entsteht und mit dem auflandigen Wind ins Landesinnere getragen wird. Alles bekommt eine feuchte Salzschicht: wir, unsere Ausrüstung und der Mog. In den Moskitonetzen vor den Fenstern, sammelt sich das Wasser und es tropft. Selbst pralle Sonne kommt dagegen nicht mehr an und am Mog fängt alles an zu rosten, das nicht fünf Schichten Lack hat – auch Teile aus Edelstahl. Am unangenehmsten ist das klamme Bett. Wir fühlen ans an unsere Saharadurchquerung vor einigen Jahren erinnert, als wir Mitte Juli in der Zentralsahara nur schlafen konnten, wenn wir uns mit nassen Handtüchern zugedeckt haben. Bei Tagestemperturen von über 50° im Schatten war das die einzige Möglichkeit, den Körper unter Fiebertempertur zu kühlen. Hier ist das nasse Bettzeug leider alles andere als erholsam, da durch die hohe Luftfeuchtigkeit das Wasser nicht verdunstet und es deshalb auch nicht kühlt. Wir wählen das einzige funktionierende Mittel, dass es dagegen gibt: wir finden uns damit ab und pfeifen drauf.

Nur rund 100km südlich von Acapulco befinden wir uns plötzlich in einer völlig anderen Welt. Keine Spur mehr, vom tobendem Leben des modernen Mexiko in der Großtadt. Wir sind in einem kleinen Fischerdorf gelandet und quartieren uns bei Sarita ein. Ein Strandlokal, das aus ein paar Holzbrettern und Plastikstühlen besteht und von einer freundlichen Oma geführt wird. Sarita erlaubt uns, auf ihrem Gelände zu übernachten und wir bestellen gegrillten Fisch bei ihr. Offensichtlich hat sie mit diesem plötzlichen „Kundenansturm“ nicht wirklich gerechnet, denn obwohl wir die einzigen Gäste sind, dauert es über 2 Stunden, bis die Zutaten für unser Essen erst schnell irgendwo „organisiert“ sind und das Mahl dann endlich fertig ist. Dafür bekommen wir jeder einen großen, gegrillten Fisch, gegrillte Kochbanane, Bohnen mit Reis und Salat, dazu zwei Corona, alles zusammen für ganze 3€.

Unsere letzte Station am Pazifik ist der Surferbeach Puerto Escondido. Die Wellen sind meterhoch, die Surfer paddeln mit ihren Boards nach draußen und warten auf die ultimative Welle, während die dazugehörigen Surferfreundinnen am Strand mit Kamera und Teleobjektiv warten, um den Ritt festzuhalten. Wir schaffen es gerade mal bis zur Hüfte ins Wasser ohne zu ertrinken, der Sog der zurücklaufenden Wellen ist so stark, dass man sich unmöglich auf den Beinen halten kann. Ohne Surfboard hat man keine Chance und jedes Jahr kommen einige Touristen in diesen Wellen ums Leben. Es ist jedes Mal ein kleines Wunder, wenn ein Surfer unter den meterhohen Wasserbergen begraben wird, nach einer gefühlten Ewigkeit irgendwo am Strand ausgespuckt wird und aufersteht, als sei nichts gewesen…

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Bei mir seid ihr sicher, ich hab ne Knarre!

Wir lassen den Pazifik hinter uns, biegen ab nach Nordost und machen uns auf den Weg Richtung Karibikküste und zur Halbinsel Yucatan. Nach etwa 140km Gekurve und Kampf mit den Serpentinen, müssen wir in Miahuatlan die erste Nacht verbringen. Ein staubiger Ort, der scheinbar nur aus ein paar verölten Reifenbuden und rostigen Blechhütten besteht. Wir bleiben bei einem abseits gelegenen Restaurant stehen und dürfen dort die Nacht über bleiben. Hier haben wir das erste Mal ein mulmiges Gefühl. Die Region Chiapas gilt als unsicher, auch das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in diese Gegend. Die Stimmung auf der Strasse, die Umgebung, die Angestellten des Restaurants, aber auch der Besitzer selbst, der uns mit seinem mexikotypischen Silbergebiss angrinst, erscheinen uns etwas zwielichtig. Seine Crew – immerhin 14 Mann (wir sind die einzigen Gäste!) zerstreuen sich nach Feierabend in alle Himmelsrichtung und wir bleiben mit dem Chef allein zurück. Da wir nicht hinter verschlossen Toren auf seinem Gelände parken können, sondern vor dem Tor auf dem Präsentierteller stehen, fragen wir noch mal bei ihm nach, ob die Gegend sicher sei?

„Ja, ja, kein Problem, ihr seid bei mir sicher! Falls was passiert, höre ich das ja. Ich hab ne Knarre und komme dann raus!“ Silbergrins. Aha. Na toll.

Wir schlafen nun erst Recht nicht gut, auch weil die ganze Nacht streunende Hunde um den Mog schleichen und es jedes Mal so klingt, als wäre jemand am Auto. Am Ende ist nichts passiert und wahrscheinlich waren unsere Sorgen auch völlig unbegründet, trotzdem sind wir froh, als wir am nächsten Morgen (mit vier vollgepissten Reifen und reichlich unausgeschlafen) den Ort wieder verlassen können.

Am Nachmittag erreichen wir die Zapotekenstätte „Monte Alban“ in Oacxaca. Wir machen eine Runde um die alten Steine und Pyramiden und stehen zum Schlafen mitten im Zentrum der Stadt. Oacxaca überrascht uns mit einem Stadtfest und an jeder Ecke gibt es was zu gucken. In der großen Kathedrale wird am Fließband geheiratet, im Park treten Folkloretanzgruppen auf, die Polizeikapelle wagt ein Konzert im Park und trifft zielsicher keinen einzigen Ton.

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El Präsidente erobert Mogland.

Am nächsten Tag schrauben wir uns weiter durch die Serpentinen, weiter Richtung Karibik. Auf 3000m erreichen wir den Pass und beschließen die Nacht hier zu verbringen. Endlich ist es mal wieder richtig kühl und trocken! Eine echte Erholung. Wir reißen alle Fenster auf, in der Hoffnung etwas von der Feuchtigkeit aus dem Auto zu kriegen. In einer kleinen Hütte nebenan wird über offenem Feuer der berühmte Kakao von Oacxaca zubereitet und wir gönnen uns gerade ein Tässchen, als vor dem Fenster zwei Pickups halten und etwa 12 Polizisten und Zivilisten mit automatischen Waffen aussteigen. Die Damen am Kakaofeuer werden ganz hippelig und plappern nervös. Wir gucken der Truppe nur skeptisch hinterher, wie sie zielsicher zu unserem Mog stiefelt. Das riecht nach Ärger, also gehen wir besser mal hin.

Unser Auto wird von allen Seiten inspiziert und nach einigen peinlichen Missverständnissen und Verwechslungen, wissen wir dann auch endlich, wer von denen der Chef ist und auch von was er der Chef ist: es ist der Präsident der gesamten Landesregion höchstpersönlich und der bewaffnete Tross ist seine Leibgarde. Er begrüßt uns recht herzlich in „seinem Land“ und will jetzt bitte mal den Mog von innen sehen. Die friedliche Übernahme des Moglandes durch den Präsidenten dauert nur 5 Minuten, es gefällt ihm alles ganz wunderbar und schon posiert er im Türrahmen, 2 Meter über seiner Gefolgschaft und lässt sich mit Viktoryzeichen von seiner Truppe fotografieren. So annektiert man wohl neuen Boden. Nachdem wir auch die anderen 11 Mann einzeln durch die frisch eroberten 10qm Mogland geführt haben, lädt uns El Präsidente noch in sein Haus ein, dann lässt er uns zurück und geht mit dem ganzen Trupp Kakao trinken.

Wir machen in der Zwischenzeit einen Spaziergang zum Gipfel des Berges. Oben ist die Aussicht einfach unglaublich: wir sind über den Wolken. Unter der Wolkendecke liegt die Ebene. Das Panorama und die Abendstimmung sind beispiellos. Um uns herum, safgtige, grüne Weiden und wir sind umzingelt von Kühen, die alle aussehen, als würden sie gerade von einem Milka-Casting kommen. Das ist zweifellos einer der schönsten Orte auf unserer bisherigen Reise.

Auf dem Rückweg treffen wir wieder auf El Präsidente, der uns mit zwei seiner Aufpasser entgegenkommt. Wir lachen kurz gemeinsam über unsere gelungensten Kuhbilder, die wir ihm in der Kamera zeigen, dann macht auch er sich auf den Weg zum Gipfel. Kurz darauf hören wir MG-Schüsse von dort oben. Wir fragen einen der grinsenden Leibwächter, was denn da los ist?

„El Praktikante!“

„El Präsidente praktikante?“

„Si, el Präsidente praktikante“

Als wir Abends ein paar Steaks in die Pfanne hauen, müssen wir unweigerlich an die Kühe auf dem Berg denken, und hoffen sehr, dass sie alle den Praktikantenpräsidente überlebt haben…

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 Auf dem Weg bergab, machen wir Stopp beim Wasserfall „Misol-Ha“ und dem kleinen Naturwunder „Agua Azul“. Versteckt, mitten im Regenwald, erstrecken sich über hunderte Meter unzählige, türkisfarbene Wasserbecken und Wasserfälle, die sich in Kaskaden den Hang herabschlängeln. Wir springen ins eiskalte Wasser und sind fasziniert, dass so etwas Vollkommenes ohne zutun von Menschenhand entstanden ist (oder eben vielleicht gerade deshalb). Dies ist genau der Platz, an dem in kitschigen Hollywoodfilmen immer Flugzeuge im Urwald abstürzen und sich dann zufällig nackte Schönheiten in der ach so harten Wildnis unterm Wasserfall duschen. Es gibt sie wirklich, diese Plätze. Die nackten Schönheiten allerdings nicht. Denn in Mexiko ist es völlig üblich komplett eingekleidet ins Wasser zu gehen. Am besten gefällt uns ein Busfahrer, der mit Bügelfalte in der Anzughose und gestärktem Kragen über eine Stunde, bis zu den Schultern, im Wasser herumsteht.

In Celestun erreichen wir dann endlich wieder die Atlantikküste, finden aber keinen vernünftigen Stellplatz. Bei einem Hotel am Strand dürfen wir auf dem Parkplatz stehen, leider ist die Einfahrt so verwinkelt, und es stehen parkende Autos im Weg, sodass es Millimeterarbeit ist, den Mog um die Ecke zu fädeln. Nach 30 Minuten geben wir auf – es passt einfach nicht. Leider bemerken wir erst jetzt, dass dieser Rangieraktion ein Kleinwagen zum Opfer gefallen ist. Ein Rad vom Mog ist ca. 1,25m hoch und wiegt 150kg. Wenn die Lenkung voll eingeschlagen wird, wandert das Rad ein ganzes Stück seitlich aus dem Radhaus heraus. Vom Führerhaus aus, kann man diesen Bereich auf der Beifahrerseite schlecht einsehen und dummerweise stand da ein turnschuhgroßer Suzuki im Weg, dem der Mogreifen den vorderen Kotflügel völlig zerknautscht hat. Im Stand wohlgemerkt! Nur durch die Kraft der Servolenkung – am Lenkrad war davon nichts zu spüren. Obwohl wir doppelte Haftpflicht und Vollkasko haben, einigen wir uns mit dem Besitzer schnell auf eine so kleine Summe in bar, dass wir uns den ganzen Stress mit Polizei und Versicherung sparen. Am Ende ist der Autobesitzer glücklich über den Nebenverdienst und wir verbringen unsere Nacht lieber woanders.

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Wir tingeln an der Karibikküste entlang, stehen an traumhaften Stränden. Große Leguane sind hier an jeder Ecke anzutreffen. Einer ist besonders frech und versucht unsere Mangos zu klauen. Wir nehmen die Herausforderung an und bauen eine Falle. Es dauert keine fünf Minuten und der Leguan ist für ein kleines Fotoshooting gefangen. Anschließend lassen wir ihn natürlich unversehrt wieder laufen…

Wir erlauben uns einen Abstecher in die Touristenhochburg Cancun. Kein Wunder, dass alle Welt hier Urlaub machen will, denn das Meer ist unglaublich. Weißer Sand und alle Türkis- und Blauabstufungen, die man sich denken kann. In Playa del Carmen machen wir auf einem Supermarktparkplatz Mog-Großputz und direkt gegenüber lassen wir den Mog von Außen waschen. Auf dem Gelände treffen wir den hässlichsten Hund von Mexiko, der sich so sehr über die ungewohnte Streicheleinheit freut, dass er sich gar nicht mehr einkriegt.

Jetzt glänzt der Mog wieder von Innen und von Außen, denn wir erwarten Besuch. Zwei Freundinnen aus Deutschland kommen nach Mexiko. Sie wohnen im Hotel und wir stehen direkt nebenan, am Ende einer Stichstrasse am Strand. Gemeinsam machen wir etwas Urlaub von der Reise und liegen eine Woche am Strand, erfinden zusammen das geniale Strandspiel „Burt oder Spurt“ und fahren anschließend gemeinsam los, um ein paar Tage zu viert im Mog zu verbringen. In Tulum entdecken wir einen traumhaften Platz zwischen Palmen, schlagen unser Lager direkt am Wasser auf und abends wird gegrillt. Langsam heißt es Abschied nehmen, nicht nur von der schönen Zeit mit den Mädchen, sondern auch von Mexiko. Nach Belize ist es jetzt nicht mehr weit.

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Tschüss Mexiko

In Chetumal verbringen wir unseren letzten Abend in Mexiko auf einem Supermarktparkplatz, direkt an der Grenze zu Belize. Auf dem Parkplatz treffen wir die ersten Belizer, die zum Einkaufen nach Mexiko kommen. Da der Sprit in den folgenden Ländern teurer und auch schlechter wird, machen wir die Tanks voll und bunkern 800 Liter Diesel. An der Tankstelle fällt uns ein 2m großer, blonder Typ auf, der in blauer Latzhose und Strohhut Obst verkauft. Er wirkt auf uns wie ein Alien, in seiner Farmer-Verkleidung, zwischen den kleinen Mexikanern. Und er ist nicht der erste, blonde Riese, den wir in diesem Aufzug sehen. Erst in Belize werden wir erfahren, was es mit dieser seltsamen Clique auf sich hat.

Am nächsten Morgen machen wir uns früh auf den Weg. Wir wollen die Grenze so zeitig wir möglich passieren, damit wir noch genügend Zeit haben, um uns in Belize zurecht zu finden. Am Grenzübergang lassen wir uns ausnahmsweise von einem „Porter“ helfen. Er kommt aus Belize und spricht das bekiffteste Ragga-Englisch, dass uns je zu Ohren gekommen ist. Eine wahre Freude. Die Formalitäten sind schnell erledigt, der Mog wird nicht kontrolliert und nach ein paar Minuten können wir passieren.

Der Abschied fällt uns alles andere als leicht. Nach 2 Monaten in Mexiko haben wir dieses Land wirklich zu schätzen gelernt. Alle Vorurteile und Warnungen, die uns auf dem Weg hierher begegnet sind, treffen einfach nicht zu. Mexiko ist ein sicheres und großartiges Reiseland, abwechslungsreich und mit sehr gastfreundlichen und lebensfrohen Menschen.

Vor unserer Abreise in Deutschland wurden wir von einem selbsternannten „erfahrenem Reisenden“ gefragt, warum wir diesen „Umweg“ über USA, Mexiko, usw. machen würden, um nach Südamerika zu kommen. Das Wort „Umweg“ ist sicher das unpassendste, was einem zu Mexiko einfallen kann…wir werden sicher irgendwann wieder kommen.

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2 Responses to “Von Acapulco/Mexiko bis Grenze Belize”

  1. Andreas Says:

    Toller Bericht! weiter alles gute! Andreas

  2. Uwe Walter Says:

    Ihr Lieben, ich fiebere total mit Euch mit. Was für eine unvergessliche Reise. Gute Zeit weiterhin. Und grossen Dank.


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