Gelber Unimog

Von Kanada bis Feuerland in 365 Tagen

Halifax/Kanada bis Mississippi/USA 16. März 2014

Filed under: Allgemein — tichyx @ 01:13

Nachdem wir entspannt in Halifax gelandet sind und uns im Hotel an der Waterfront, gleich in der Nähe des Hafens einquartiert haben, checken wir im Internet per Tracking die Route des Schiffes, auf dem der Mog unterwegs ist. Die ersten zwei Tage sieht alles ganz normal aus: das Schiff legt in Liverpool ab und verschwindet dann hinter Irland irgendwo auf dem Atlantik… Wir vertreiben uns inzwischen die Zeit und erkunden die nähere Umgebung. Gleich neben dem Hotel gibt es den „Farmers Market“ und als wir die Hallen betreten, haben wir plötzlich das Gefühl, wieder zurück in Berlin am Kollwitzplatz zu sein. Das gesamte Lebensmittelangebot ist „Organic“, alle Menschen  auf gewohnte Art hip, haben bunte Kinder und große Brillen. Alles ist sehr europäisch, fast Skandinavisch und an Freundlichkeit kaum zu überbieten (O.k., also doch nicht ganz wie in Berlin).

Auch der kanadische Autofahrer entpuppt sich schnell als eine der selbstlosesten Spezies, die uns bisher über den Weg gefahren ist. Bleibt man als Fußgänger irgendwo an einer Strasse stehen – egal ob 4-spurig Downtown im stressigen Berufsverkehr oder auf freier Strecke  – und guckt man nur eine Sekunde schief in Richtung der anderen Strassenseite, bleiben alle Fahrzeuge schlagartig stehen. LKW, PKW Bus, alle –  und zwar sofort. Der gesamte Verkehr kommt zum erliegen und dann steht man da, beobachtet von lauter wartenden Autofahrern, obwohl man gar nicht rüber wollte. Um nicht 20 mal am Tag ungewollt die Strassenseite wechseln zu müssen, werden wir etwas vorsichtiger mit unseren Faxen am Strassenrand…

 

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Unser Mog auf den Spuren der Titanic

Nachdem wir Halifax ausgiebig beguckt haben, checken wir wieder das Tracking unseres Schiffes und machen eine beunruhigende Entdeckung. Das Schiff kreuzt im Zickzackkurs wieder vor der britischen Küste. Ein Anruf bei der Agentur bestätigt unsere Beführchtungen: das Schiff hat technische Probleme und ist auf halber Strecke umgekehrt. Wir sollen mit etwa 10 Tagen Verspätung rechnen. Die anschließende Recherche zum ACL Seelenverkäufer Atlantic Cartier entlockt uns noch ein kurzes, verzweifeltes Lachen, aber da wir sowieso nichts an der Situation ändern können, setzen wir uns bei -15°C in unseren Mietwagen und erkunden die nächsten Tage Nova Scotia. Wir fahren nach Norden zum Cap Breton und dort den Cabot Trail in einem wunderschönen Nationalpark an der Küste mit unberührter Natur. Wir quartieren uns in skurilen und entlegenen Hotels ein, wo wir zu der Jahreszeit die einzigen Gäste sind. Und wir vertreiben uns die Zeit mit… dem kältesten und längsten Winter seit Jahren in dieser Region.

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Von Hambug nach Halifax sind es exakt 3100 Meter.

Am Tag der Ankunft unseres Schiffes fahren wir auf gut Glück zum Hafen in Halifax, in der Hoffnung, dass wir den Mog vielleicht irgendwo stehen sehen – und wie es der Zufall will, kommen wir genau in dem Moment an, als er durch die riesige Ladebordwand des Schiffes gefahren wird. Nur 100m von uns entfernt, getrennt durch einem Zaun, wird er geparkt und wir können sogar beobachten, wie der Fahrer noch mal alles kontrolliert und ihn dann ordentlich abschließt. Aus der Distanz sieht alles heil aus und wir können es nun kaum noch erwarten. Das Zeitfenster zur Abholung am nächsten Tag ist denkbar knapp. Bis 12:00 Uhr muss das Auto vom Hafengelände sein. Wir checken also um 8:00 Uhr aus dem Hotel aus und klopfen um 8:29 Uhr bei der Spedition an, die um 8:30 Uhr öffnet. Dort lässt man uns bis 10:45 Uhr warten, bis die Papiere endlich fertig sind. Zum Hafen sind es rund 15 Minuten mit dem Taxi, vorher aber müssen wir noch zum Zoll. Angeblich dauert das nur 10 Minuten, also kein Problem, nix wie hin. Nach 5 Minuten Fussweg stehen wir vor der angegeben Adresse: ein Bauzaun. Eine Truppe kanadischer Bauarbeiter ist gerade dabei, mit schwerem Gerät, das Zollgebäude ABZUREIßEN. Nicht wahr? Doch! Also Telefon raus, Spedition anrufen, neue Hausnummer bekommen. 20 Minuten gebraucht, um festzustellen, dass es diese Hausnummer gar nicht gibt. Concierge in irgendeinem Hotel nebenan gefragt – nur verwirrende Auskünfte bekommen – inzwischen ist es 11:10 Uhr. Noch mal bei der Spedition anrufen, noch mal andere Hausnummer bekommen. Es ist das Gebäude genau neben dem Abbruchhaus, kein Schild, kein Hinweis, nix – da ist jetzt vorübergehend der Zoll drin. Schnell rein, Papierkram erledigen, alle Fragen nach Waffen, terroristischen Absichten und sonstigem Blödsinn freundlich aber leicht hektisch mit „Nein“ beantworten und fertig. Den verwirrten Concierge ein Taxi rufen lassen und dann zum Hafen heizen, mit einem indischen Taxifahrer der den übelsten Mundgeruch von Nordamerika hat, aber gerne laute Geschichten nach hinten zur Rückbank spuckt. Um 11:40 Uhr im Hafen aus dem Taxi stolpern und wieder einatmen, knapp aber geschafft! Noch 20 Minunten! Ins Hafenbüro hetzen und auf unsere Anfrage, ob wir bitte unser gelbes Wohnmobil da hinten abholen können, die Antwort bekommen, die man nicht hören will: „Nö, zu spät, es ist schon geschlossen.“ Wuahhh, was? Es sind doch noch 19 Minuten! Wir reden mit Engelszungen auf den Menschen ein, bis er endlich das Telefon bemüht und nachfragt: ok, na gut geht doch noch. Ein paar Unterschriften später und nachdem wir den Mog inspiziert und als unbeschädigt bestätigt haben, können wir dann endlich auf eigenen 4 Rädern losfahren. Der Tacho des Mogs zeigt exakt 3100 Meter mehr an, als zum Zeitpunkt der Abgabe im Hamburger Hafen. Weder in Hamburg noch in Kanada wurde der Innenraum des Fahrzeugs kontrolliert. Laut unserer Agentur hätten wir auf kanadischer Seite, an den verschiedenen Stationen insgesamt 350$ Gebühren bezahlen müssen. Wir haben aber bisher nur 100$ bezahlt und sitzen bereits im Mog. Wir entscheiden uns, ähm…“irgendwann später“ mal nachzufragen, welcher Behörde wir noch was schuldig sind…  😉

Mogamschiff zoll

 

Da muss was faul sein

Nachdem wir unsere Sachen verstaut und den Mog reisefertig gemacht haben, verabschieden wir uns nun nicht nur von Nova Scotia, sondern auch vom „schönen“ Wetter. Die letzten zwei Wochen war es zwar extrem kalt, aber der Himmel war blau und die Sonne schien. Damit ist es während der ersten Nacht im Mog vorbei. Die Temperatur steigt in den Plusbereich und es schüttet. Als wir am nächsten Morgen losfahren, fällt das Thermometer wieder schlagartig unter Null und der Regen der Nacht gefriert zu Blitzeis. Alle Strassen sind mit einer geschlossen Eisschicht bedeckt und wir mitten auf dem Highway. Im Schneckentempo und mit Allrad geht es auf den nächsten Parkplatz, um erst mal den Wetterbericht zu checken. Laufen ist auf der Strasse nicht mehr möglich! Die einheimischen LKW interessiert das allerdings wenig, sie donnern mit 110 Km/h den Highway entlang, als wäre nichts… Da keine Wetterbesserung in Aussicht ist, trauen auch wir uns langsam wieder zurück auf die Strasse und zockeln erst über Eis und später dann über eine geschlossene Schneedecke weiter, denn inzwischen schneit es. Je weiter wir kommen, um so schlimmer wird das Wetter. In Moncton wachsen die Schneeberge am Strassenrand auf mehrere Meter Höhe an und wir suchen Schutz für die Nacht im Windschatten eines Supermarktes, um nicht völlig einzuschneien. Auf dem Rückweg von einem (sehr) kurzen Abendspaziergang, entdecken wir dann aus der Distanz eine Truppe Polizisten, die misstrauisch um unser Fahrzeug schleichen. Mit jedem Schritt den wir näher kommen, werden es mehr Polizisten. Und als wir endlich bei ihnen eintreffen, ist die halbe Polizeimannschaft Monctons um unseren Mog versammelt, die mit Taschenlampen und Einsatzfahrzeugen den „Einsatzort“ sichert. Wir geben uns sofort als die Besitzer zu erkennen und dürfen dann auch schnell die logische Schlußfolgerungskette der kanadischen Polizei erfahren: 1. Die Nummernschilder sehen komisch aus. 2. Das ganze Auto sieht komisch aus. 3. Auf dem Auto steht „Germany“. 4. Von Germany kann man nicht mit dem Auto nach Kanada fahren. 5. Es muss also etwas faul sein! Nachdem wir die freundliche Truppe um 6. Wir sind aber mit dem Schiff gekommen – bereichert haben, entspannt sich die Lage und endet mit neugierigen Fragen, Mogwohnraumbesichtigung und guten Wünschen für eine sichere Reise.

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Da wir von der Kälte langsam die Schnauze voll haben und endlich Frühling wollen, ziehen wir die nächsten Tage flott Richtung Süden weiter. Der Grenzübergang in die USA ist kein Problem und so pendelt es sich ein, dass wir etwa um 10 Uhr morgens losfahren, gegen Mittag irgendwo einkaufen gehen oder eine kleine Wanderung unternehmen und dann gegen 16 -17 Uhr irgendwo für die Nacht stehen bleiben. Das Wetter bessert sich leider kaum, so dass wir selten Lust haben irgendwo länger stehen zu bleiben oder ausgiebige Stadtbesichtigungen zu machen. Aber das Fahren mit dem Mog in den USA ist für uns extrem enstpannt, da wir mit unserer gewohnten Reisegeschwindigkeit von ca. 90 km/h die Langsamsten sind! LKW dürfen hier 110km/h fahren und so können wir die SCC (Suicide Cruise Control – Mogfahrer wissen, was das ist) einlegen und stundenlang ohne Gas oder Bremse zu berühren mit 2000U/min dahintuckern und durch die Fenster in die Kälte glotzen. Positiv überrascht sind wir auch vom Spritverbrauch. Obwohl der Mog vor der Abreise noch mal eine Leistungssteigerung von 40 PS auf 280PS bekommen hat und voll bepackt für ein Jahr so schwer ist, wie noch nie, liegt unser Durchschnittsverbrauch für die letzten 4000km nur bei 19 Litern. Wir haben mit deutlich über 20 Litern gerechnet.

 

What the hell is it??“

Das allgemeine Thema Nr. 1 in den USA: der kälteste und längste Winter seit Jahrzehnten, wird nun von einer anderen, offensichtlich noch spektakuläreren Angelegenheit aus den Gesprächen der Menschen verdrängt: der MOG. Jeder, aber wirklich JEDER spricht uns an, fotografiert das Auto und behauptet das Fahrzeug aus der Sendung „Monster R.V´s“ auf Discoverychannel zu kennen – Widerspruch ist zwecklos. Ein Boxenstop um einen Donut zu kaufen oder das Öl zu checken ist nur zu zweit möglich: einer checkt das Auto der andere schirmt ihn ab und beantwortet die Fragen. Irgend etwas am Mog trifft offensichtlich einen Nerv bei den Amis – egal ob Mann oder Frau: sie sind absolut aus dem Häuschen! Manche kriegen sich gar nicht mehr ein und fahren uns hinterher, verursachen Staus oder filmen uns, während sie uns mit der anderen Hand am Steuer überholen. Fazit: Mercedes hat hier ganz offensichtlich einen großen Markt für den Unimog verpasst… Und während man uns in Europa skeptisch beäugt und fragt, wo wir denn damit wohl hin reisen wollen, lautet hier die erste Frage immer: „What the hell is it??“ Da man in diesem Land selbst Friedhöfe mit dem PKW befahren und drive thru Hochzeiten feiern kann, ist hier Offroad und Geländetauglichkeit bei einem Wohnmobil völlig unbekannt. Hier die Top 5 Zitate, beim Anblick unseres Mogs:

5. Oh, look at this, it´s a Transfomer!

4. This car looks like a Hummer on steroids.

3. Is this a pet-transporter?   (Nein, wir wissen auch nicht, wie man ausgerechnet darauf kommen kann)

2. Is this a tank? How did you bring it here, does it swim?

Bemerkenswert ist auch, dass die Fragen nach der urbanen Umgebung und den Lebensumständen der Bevökerung variieren. In den Vororten von Memphis zum Beispiel, in denen eine extrem hohe Kriminalitätsrate herrscht, lautete die erste Frage einer Gruppe zwielichtiger Gestalten:

1. „How fast does it go and is it bulletproof?“

YES! 🙂

Ganz egal wo wir bisher unser Lager aufgeschlagen haben oder herumgekurvt sind – wir sind ausschließlich netten und aufgeschlossenen Menschen begegnet, die uns alle herzlich empfangen haben und uns zum Abschied eine angenehme Reise gewünscht haben! Die Amerikaner sind absolut begeisterungsfähig und zeigen das auch, eine durchweg positive Eigenschaft, die uns sehr leicht mit den Menschen in Kontakt kommen lässt.

 

 

Endlich zu warm angezogen

Nach 7 Tagen fahrt, bei Frost, Nebel und Schnee erreichen wir hinter Boston die Appalachen, ein Gebirge, das an der Ostküste entlang von Kanada bis in den Süden der USA verläuft. Die Fahrt in den Bergen geht nur mühsam voran, da neben dem Schnee nun auch noch extremer Nebel dazu kommt. Und als wir schon glauben, dass wir unsere Fahrt wegen zu geringer Sicht besser unterbrechen sollten, reißt der Nebel plötzlich auf, der Schnee verschwindet und die Temperaturen steigen um 20 (!) Grad an. Innerhalb von 2 Stunden sind wir vom tiefsten Winter in eine völlig andere Landschaft, mit fast sommerlichen Temperaturen gefahren. Die Gebirgskette bildet eine natürliche Wettergrenze, die wir nun passiert haben. Bei einer kurzen Pause können wir es kaum glauben und fangen erst mal an, unsere viel zu warme Kleidung los zu werden. Wir sind endlich im Frühling angekommen! Jetzt lohnt es sich auch schönere Stellplätze in der Natur anzusteuern, wir fahren viele Meilen auf National Parkways, Parallelrouten die durch unberührte Natur verlaufen, ohne Städte zu kreuzen. In Nashville machen wir Station und geniessen das Nachtleben auf den Strassen und wir können auch endlich mal in der Natur unser Lager aufschlagen, draussen kochen und in der Sonne sitzen.

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Unter „Reiseroute“ gibt es einen Link, unter dem man unsere zurückgelegte Strecke und unseren aktuellen Standort sehen kann. Der Link aktualisiert sich automatisch, nur die angegebenen Fahrzeiten sind nicht die tatsächlichen Lenkzeiten, sondern geben die Zeit wieder, die das Trackinggerät an dem Tag eingeschaltet war. Deshalb sieht es z.B. in Nashville so aus, als wären wir die ganze Nacht auf dem Parkplatz im Kreis gefahren, dabei war nur das Gerät über Nacht eingeschaltet, während wir bei Bier und Barbecue den Frühling gefeiert haben.

 

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7 Responses to “Halifax/Kanada bis Mississippi/USA”

  1. Bernd Says:

    Sounds great! Weiter gute Reise und so gute Erfahrungen. Bin gespannt auf den nächsten Bericht.

  2. Bianca Says:

    Hab mich schon gefragt, ob alles geklappt hat. Schön, dass alles heil angekommen ist und der Gelbe die Überfahrt gut überstanden hat.
    Bin gespannt auf Eure weiteren Berichte.
    Grüße aus Berlin von Bianca

  3. Norbert Says:

    Wenn ihr weiter so schnell vorwärts kommt, braucht ihr aber kein Jahr 🙂

  4. Martin Says:

    Toll geschrieben und toll Bilder. Werde weiterhin Euren Blog mit Interesse verfolgen.

    Herzliche Grüße und weiterhin gute Reise

    Martin

  5. macotaco Says:

    Sehr schöner Bericht, ich freue mich schon auf den nächsten!

  6. Carsten Says:

    mehr davon….. vieeeel mehr!

  7. Dr.B.Mielke Says:

    Weiter Gute Reise,ich freue mich schon auf den nächsten Bericht!


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